Mittwochspalte 04.11.2026: Symbolpolitik

Schon lange wollte ich influencern. Doch worüber? Derzeit könnte sogar diese Spalte pausieren. Solange die alles überragende Haushaltskonsolidierung den finanziellen Spielraum der Stadt einengt, besteht kommunale Politik aus vorwiegend Symbolpolitik. In Schaufensteranträgen, ohne Aussicht auf Erfolg, arbeiten sich einige Fraktionen trotzdem ab. Politischen Gestaltungs- und Profilierungs-Spielraum gibt es kaum. Die wiederholten Anträge, den ÖPNV weniger zu fördern, hielt ich für nicht einmal kommentierenswert. Konsolidieren bedeutet in der Kommunalpolitik nicht solide verfestigen, sondern dass steigende Ausgaben weniger steigenden Einnahmen gegenüberstehen, dass gestrichen und gespart wird. Im Moment ist eines unserer Ziele dabei, Strukturen von Vereinen und sozialer Vielfalt zu erhalten. Unentspannt könnten dabei auch dieses Jahr die Haushaltsverhandlungen verlaufen. Ein Lichtblick ist, dass wir uns auf einen Notfallfond einigen konnten, den wir bereits angezapft haben, um eine Kultureinrichtung und Fahrkarten für die wenig solventen Kreisbonuskarten-Inhaber zu sichern. Doch selbst dieses Notfall-Instrument wird politisch beargwöhnt. Der Fond wurde nur mit knapper Mehrheit beschlossen. Oder er kann als Wunschkonzertfond missverstanden werden, auf den Schaufensteranträge gestellt werden, für nicht durch Bankrott Bedrohtem.

Bis hierher ist dieser Text viel zu lange und dröge geraten für ein erfolgreiches Social-Media-Influencer-Posting. Deshalb nun noch eine Message für alle durch zu viel Doomscrollen mit kurzen Aufmerksamkeitsspannen Geschädigten. Die knappe Ablehnung der Kugelbahn im Gremium kam überraschend, weil letztes Jahr die meisten Fraktionen der Verwaltung grünes Licht erteilten, eine solche zu planen. Bei Grundschul- und Kindergartenkolleginnen von mir löste es bodenloses Kopfschütteln aus, als ich die vermutlich mit KI-Hilfe getexteten Punkte der Gegner vortrug. Eine kommentierte es mit: „Wahnsinn, wie viele Knüppel die im Sack gegen sowas haben.“ Sollten weitere Anti-ÖPNV-Schaufensteranträge gestellt werden, halte ich mit in Kugeln gepackten delulu Kugelbahn-Anträgen dagegen.

Tübingen hat eine beklagenswerte Geschichte abgelehnter Geschenke, wie Konzerthaus oder Stadtbahn. Für die Vorweihnachtszeit empfehle ich daher den Weihnachtsfilm „Fanny und Alexander“ von Ingmar Bergman. Danach kann man sich überlegen, welche Haltung besser ist, verhärmt und versauert alles Neue in der Stadt abzulehnen oder lebensfreudig Veränderung mitzugestalten.

Jürgen Eichenbrenner